Knoops Park ©A. Nowara

[6] Der stinkende Ginkgo

Symbol für ein langes Leben

Das zweiteilige Blatt des Ginkgo faszinierte bereits Goethe. Der Baum, der ihn zum Gedanken der Einheit in der Vielheit inspirierte, wurde in Jena zwischen 1792 und 1794 gepflanzt. Schon um 1730 wurden in den Niederlanden die ersten Versuche unternommen, den Ginkgo wieder in Europa heimisch zu machen. Denn Ginkgos waren früher weit über den Erdball verbreitet, zogen sich aber bereits in der Kreidezeit vor etwa 140 Millionen nach Ostasien zurück. Es handelt sich beim Ginkgo (Ginkgo biloba) um den letzten Vertreter einer uralten Pflanzenfamilie, die es bereits vor der Zeit der Dinosaurier, vor etwa 300 Millionen Jahren, gab. In Ostasien wird der Ginkgo als Symbol für ein langes Leben, Fruchtbarkeit und Unbesiegbarkeit verehrt – nicht ohne Grund, denn das aus den Blättern hergestellte Extrakt gilt als Mittel gegen Altersdemenz, das auch Schlaganfällen vorbeugt und die Lebenserwartung generell erhöht. Auch der Baum selbst ist ausgesprochen robust, kann er doch in Großstädten extreme Luftverschmutzung gut ertragen. In Bremen ist er in zahlreichen Parks nicht selten, wie zum Beispiel im Rhododendronpark, in Parks in Oberneuland oder in Knoops Park in Bremen-Nord.

Stinkende Früchte

Mit dem Fächerblatt, das aussieht, als seien Nadeln zusammengewachsen, nimmt der Ginkgo eine Stellung zwischen Laub- und Nadelhölzern ein. Im Herbst färben sich seine Blätter goldgelb und können mehrere Wochen am Blatt hängen bleiben.

Beim Ginkgo sind die Geschlechter auf weiblichen und männlichen Bäumen separiert. An den weiblichen Bäumen bilden sich im Herbst Früchte, von denen ein penetranter Gestank ausgeht. Der ranzige, fast beißende Geruch entsteht, wenn das stark fetthaltige Samenfleisch verfault. Übrig bleiben die Nüsse, die in Südostasien geröstet als Delikatesse gelten und ähnlich wie Pistazien schmecken.

Der Ginkgo ist ästhetisch ansprechend, robust und dazu medizinisch bedeutsam. Kein Wunder, dass er sich in den letzten Jahrhunderten auch in Mitteleuropa großer Beliebtheit erfreute. Allerdings wird bei Anpflanzungen den männlichen Exemplaren der Vorzug gegeben: Die weiblichen werden wegen des strengen Geruchs ihrer Früchte eher gemieden.

Dies kann man sehr gut im Rhododendronpark erleben: Im westlichen Teil, im Allmerspark steht neben der großen Wiese ein prächtiges, altes Exemplar, das jedes Jahr im Herbst auch Früchte bringt. Wenn man dort vorbeigeht und es heftig nach Erbrochenen riecht: es waren keine Menschen, die eventuell zu viel getrunken haben, sondern der (besser vielleicht"die") Ginkgo. Schauen Sie auf den Boden unter dem Baum, dort finden sie die gelben, meist aufgeplatzten stinkenden Früchte.

Ginkgo Biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie ‚s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt?
Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin ?

Johann Wolfgang von Goethe

Ginkgoblätter und Früchte, Foto: Michael Werbeck
Ginkgoblätter und Früchte, Foto: Michael Werbeck